Wanderung von Aachen nach Wien
Wanderung von Aachen nach Wien
Natürlich konnte das Weitwandern nach dem Erreichen des Zieles „Rom“ noch nicht zu Ende sein. Wenn man der Tradition der mittelalterlichen Pilger gefolgt wäre, dann wäre eindeutig „Jerusalem“ das nächste Ziel gewesen. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr als religiöser Pilgerer sah, entschied ich mich in einem Anfall von Größenwahn doch für dieses Projekt.
Im April 2010 ging es dann wieder los, obwohl Rom noch gar nicht erreicht war. Der Weg verlief anfangs durch Deutschland und zwar zuerst entlang der Rheinschiene, also über Düsseldorf, Köln, Bonn, Koblenz bis Wiesbaden. Dann folgte er dem Main bis Frankfurt und danach ging es über Darmstadt nach Heidelberg. Von da aus folgte die Route dem Neckar bis Bad Wimpfen, danach der Jagst bis Ellwangen. Dort überquerte ich die Grenze zu Bayern, um ab Gunzenhausen der Altmühl zu folgen, bis sie in Kelheim in die Donau mündet, die mich in ihrem weiteren Verlauf nach Regensburg brachte. Von dort quasi querfeldein durch Niederbayern nach Landshut, wo ich auf die Isar traf. Die anschließende Wanderung durch die Isarauen über Freising nach München war wunderschön, ebenso der weitere Flussverlauf über Bad Tölz bis zum sogenannten Isarursprung.
Bis dahin war alles glatt gelaufen. Aber jetzt stand ich vor den Alpen. Der Plan war, dem bekannten Wanderweg, der in München startet und über den Alpenhauptkamm bis Venedig geht, zu folgen. Mittlerweile machte mein rechtes Knie immer größere Beschwerden, aber ich biss die Zähne zusammen und hielt weiter durch. Zusammen mit guten Freunden erreichte ich, das das Karwendelgebirge übersteigend, Hall in Tirol und damit das Inntal. Dort standen wir vor dem nächsten Alpenmassiv, den Tuxer- und danach den Zillertaleralpen. Geführt von einem nepalesichen Bergführer, der für den Deutschen Alpenverein arbeitete (Fachkräftemangel in Deutschland!) und nicht nur äußerst sportlich sondern ebenso sympathisch war, erreichten wir, am Olperer und der Wilden Kreuzspitze (beides Berge über 3000 Meter) vorbeigehend, mit Mühe und Not Mühlbach im Pustertal. Dort waren alle so erschöpft, dass ich die Gruppe im nächsten Sommer für die nächste Tour nicht mehr begeistern konnte. Da auch mein Knie immer mehr streikte, änderten wir die Route und gingen durch das Inntal von Hall in Tirol weiter nach Innsbruck und dann über den Brenner-Pass nach Brixen. Jetzt folgten wir dem Pustertal bis Toblach und folgten der Drau, die hinter Toblach entspringt. Der Weg führte an dem jungen Fluss vorbei, verließ hinter Innichen Südtirol und damit Italien und brachte uns nach Lienz in Osttirol.
An der nächsten Station in Spittal an der Drau verließen wir das Drautal, um dem Alpe-Adria-Trail zu folgen, der von dort bis Triest führt. Alles lief immer noch gut trotz meines kaputten Knies. Die Nockberge mit dem Höhepunkt der Gerlitze waren ein echtes Erlebnis. Ebenso die Kärntner Seen, der Ossiacher See, der Wörther See und zum Schluss der Faaker See. Nördlich dieses Sees ragt der Mittagskogel in die Höhe, einer der schönsten Berge dieser Region, aber auch „nicht ohne“. An der Überwindung dieses Bergmassivs, hinter dem als nächstes Etappenziel Kranjska Gora in Slowenien lag, bin ich endgültig gescheitert, obwohl insbesondere meine Ehefrau mich unterstützte. Auf der Höhe des Bergzuges entschieden ich mich zur Aufgabe und wir kehrten gemeinsam zurück zum Baumsteigerhof, dem Ausgangspunkt der Tagesetappe, wo wir nach 12 Stunden Kampf gegen den Berg am späten Abend entkräftet ankamen.
Und hier endete mein Weg nach Jerusalem! Nachdem wir mit dem Taxi am nächsten Tag Kranjska Gora erreicht hatten, gingen wir mit unseren Freunden auf dem wunderschönen Trail zwar noch weiter, der durch das Tal der türkisblauen Soca (italienisch: Isonzo) führte, aber die so entstandene Lücke auf dem Wanderweg stellte ein echtes Problem dar. Im folgenden Winter wurde mir endgültig klar, dass ich das Ziel „Jerusalem“ aufgeben musste. Ich unterzog mich einer Knieoperation, bekam ein künstliches Gelenk und musste neu planen.
Wie sollte meine dritte Weitwanderung weitergehen? Was konnte ein adäquates neues Ziel sein? Schließlich entschied ich mich für Wien.
In diesem Jahr bin ich vom Baumsteiger Hof wieder hinunter ins Drautal gewandert, habe einen Abstecher nach Klagenfurt gemacht, um danach wieder zur Drau zurück zu kehren. Schließlich kam ich – dem mittlerweile mächtigen Fluss folgend – in Lavamünd ans östliche Ende von Kärnten. Im nächsten Jahr soll es dann wieder hinauf in die Berge in die Steiermark nach Graz und Mariazell gehen. Und schließlich – Daumen drücken! – nach Wien.
Geschrieben im Herbst 2023