Meine erste Weitwanderung: von Aachen nach Santiago de Compostela (1998 – 2006)

Meine erste Weitwanderung: von Aachen nach Santiago de Compostela (1998 – 2006)

Jedes Jahr in der Adventszeit gibt es für „Dauerläufer“ in Aachen einen traditionellen Höhepunkt: den ATG-Winterlauf. Er führt von Mulartshütte, einem kleinen Ort in der Voreifel, zum Aachener Stadtteil Steinebrück, wo das Vereinsheim der ATG, einem alteingesessenen Aachener Sportverein, liegt. Die Strecke ist ca. 20 Kilometer lang und geht über einige Höhenzüge und ist damit einigermaßen herausfordernd.

Ich war bei diesem Winterlauf schon einige Male mitgelaufen und bereitete mich im November 1996 auf eine erneute Teilnahme vor. Erst Ende September war ich bei einem Berlin-Marathon gestartet und hatte ihn erfolgreich abgeschlossen. Nicht als einer der ersten meines Jahrgangs, aber auch nicht als einer der letzten. Mit meinen 50 Jahren fühlte ich mich fit und sah optimistisch in meine läuferische Zukunft. Und dann geschah es: Mein rechtes Knie machte nicht mehr mit. Schon nach wenigen Trainingskilometern bekam ich Schmerzen und das Knie schwoll oft so stark an, dass es mehrfach punktiert werden musste. Der Orthopäde meinte, eine sportliche Zukunft gebe es für mich nicht mehr, es sei denn, ich ließe mir operativ ein neues Knie „einpflanzen“. Dazu war ich noch nicht bereit und trainierte fleißig weiter, aber ohne Erfolg. Als dann auch beim Tennisspielen in der Halle nichts mehr ging, war ich einigermaßen ratlos.

In dieser Situation erinnerte ich mich daran, dass ich mit meiner Frau und vier Freunden im Frühjahr 1996 eine dreitägige Wanderung durch Burgund gemacht hatte, die uns allen gut gefallen hatte. Diese Wanderung hatte Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend hervorgerufen. Damals war ich als Mitglied einer Messdienergruppe jedes Jahr von Aachen aus durch die Eifel nach Trier gegangen, wo sich angeblich das Grab des Apostels Matthias befindet. Deshalb verstanden wir uns damals als echte Matthiaspilger. Damit war aber spätestens auf Oberprima Schluss. Wer wollte als angehender Abiturient noch frommer Pilger sein? Auch ich – wie alle anderen aus meiner Zeitgeist-Kohorte – natürlich nicht mehr.

Unsere Wanderung durch Burgund war also – nach vielen Jahren der Pause – eine Reprise. Ans Pilgern erinnerte dabei nicht mehr viel. Im Vordergrund standen für uns als Freunde des guten Lebens nicht mehr fromme Gedanken sondern das gute Essen und der burgundische Wein. Mittlerweile waren unsere Portemonnaies auch so gut gefüllt, dass wir statt Jugendherbergen bessere Hotels ansteuern konnten.

Deshalb fasste ich im Laufe des Jahres 1997 den Entschluss, vom Dauerlaufen auf das Weitwandern umzusteigen. Das war – jedenfalls wenn man die Wanderstrecken lang genug gestaltete – auch echte körperliche Anstrengung und ließ sich gut mit unseren sonstigen Hobbies – gutes Leben, fremde Sprachen und Kulturen – verbinden. Da wir unsere erste Wanderung durch Burgund im bezaubernden Ort „Vézelay“ beendet und dort erfuhren hatten, dass durch das Städtchen einer der bekanntesten historischen französischen Jakobswege nach Santiago de Compostela in Nordspanien führt, fiel schnell die Entscheidung: Ich wollte von Aachen aus bis nach Santiago wandern. Ehefrau Brigitte und meine Freunde wurden – nach längeren Diskussionen – von mir überzeugt. Dabei muss man berücksichtigen, dass 1997 die Pilgerei auf dem Jakobsweg noch keineswegs „en vogue“ war. Das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ lag noch in weiter Zukunft. Wir fühlten uns damals als echte Pioniere.

Der Start des Vorhabens fand am 1.Mai 1998 statt. Ich wurde in diesem Jahr 52 Jahre alt. In Santiago angekommen bin ich – zusammen mit meiner Frau und einer großen Gruppe von Familienmitgliedern und Freunden – am zweiten August 2006, meinem 60. Geburtstag. Alles hat also ganze acht Jahre gedauert, da wir aus beruflichen Gründen jedes Jahr höchstens zwei Wochen an einem Stück „marschieren“ konnten. Wir kehrten erst im Folgejahr jeweils an den Ort zurück, wo wir im Vorjahr hatten aufhören müssen. Die auf diese Weise zurückgelegten 2711 Kilometer haben aus mir einen echten Weitwanderer gemacht.

Vielleicht erzähle ich später einmal von meinen Erlebnissen auf dem „camino“. Mal sehen!

Aachen, im Herbst 2023